Catherine Dewald im Podium der demokratischen Parteien am Samstag, 17.01.2026
Die Illusion der Wahlfreiheit
“Jeder möchte für sein Kind das Beste” – ein Satz, der eigentlich die Grundlage unserer Gesellschaft bilden sollte. Doch in der Realität scheitert dieser Anspruch oft schon an der Haustür der Kindertagesstätte. Während berufstätige Eltern händeringend nach Krippenplätzen suchen, um den Wiedereinstieg in den Beruf zu sichern, stehen besonders Familien, die ihr Kind bis zum dritten Lebensjahr zu Hause betreuen oder sich in prekären Lebenslagen befinden, vor einer unüberwindbaren Barriere: Wer keinen Job hat, bekommt keinen Betreuungsplatz – wer keinen Betreuungsplatz hat, findet keinen Job. Diese soziale Selektion verschärft die Ungleichheit massiv, noch bevor die Kinder eingeschult werden.
Integration als leeres Versprechen
Besonders kritisch ist diese Situation für Kinder aus geflüchteten Familien oder für jene, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Für sie ist der frühe Zugang zu einer Bildungseinrichtung die entscheidende Brücke zur gesellschaftlichen Teilhabe. Die Kita ist der Ort der frühen Sprachbildung. Wird dieser Zugang durch Wartelisten verwehrt, werden Chancen bereits im Kleinkindalter verbaut. Echte Chancengleichheit ist jedoch das Fundament einer stabilen Demokratie. Nur wenn jedes Kind, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status, die gleichen Startbedingungen erhält, kann das Versprechen einer gerechten Gesellschaft eingelöst werden.
Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab Schuljahr 2026/2027
Ein Blick auf die Bundespolitik zeigt ein tiefes Zerwürfnis zwischen Theorie und Praxis. Ab August 2026 soll der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule gelten. Doch was aus Berlin wie ein Meilenstein klingt, wirkt an der Basis oft wie ein Hohn. Die Bundespolitik setzt Standards und verspricht Rechte, wälzt die Verantwortung für die Umsetzung jedoch fast vollständig auf die Kommunen ab. Das Problem dabei: Wo kein Personal ist, hilft auch kein Rechtsanspruch. Ein Gesetz schafft keine Fachkräfte. Für die Träger und das Personal in den Einrichtungen bedeutet dieser Druck eine massive Mehrbelastung.
Zwischen Engagement und Ressourcenmangel: Die Realität der Schulbetreuung
Der massive Mangel an finanziellen Mitteln, geeigneten Räumlichkeiten und Fachkräften schlägt sich unweigerlich in der pädagogischen Qualität nieder – eine Last, die das Personal vor Ort oft allein auf den Schultern trägt. In vielen Schülerbetreuungen kämpfen engagierte Pädagogen und Betreuungskräfte täglich darum, mehr als nur eine “Betreuung” anzubieten. Unter den derzeitigen Bedingungen der Schulbetreuung kann eine individuelle pädagogische Förderung häufig nicht ausreichend realisiert werden.
Eine fachliche Begleitung bei Hausaufgaben oder eine gezielte Unterstützung bei Lernschwierigkeiten sind bei den derzeitigen Gruppengrößen personell kaum leistbar. Dies erzeugt einen enormen Druck, der sich auf die Familien überträgt: Schulische Defizite müssen oft nach Feierabend zu Hause aufgefangen werden. Das Ziel der Chancengleichheit wird so schmerzlich verfehlt: Kinder, deren Eltern diese zusätzliche Unterstützung zeitlich oder fachlich nicht leisten können, drohen durch das soziale Raster zu fallen – trotz des unermüdlichen Einsatzes der Betreuungskräfte.
Echte Professionalisierung statt bloßem “Lückenfüllen”
Um dem dramatischen Fachkräftemangel entgegenzuwirken, sind Quereinsteiger in unserer aktuellen Notlage buchstäblich “Gold wert”. Sie bringen Lebenserfahrung und neue Perspektiven in ein System, das ohne sie längst kollabiert wäre. Doch wir müssen uns die kritische Frage stellen: Reagiert die Politik hier nur noch mit Notlösungen? Wenn wir uns darauf verlassen, Löcher dauerhaft mit angelerntem Personal zu stopfen, riskieren wir, ein “krankes System” zu zementieren, anstatt die professionelle Ausbildung nachhaltig zu stärken.
In der Erzieherausbildung wurde mit dem Titel “Bachelor Professional in Sozialwesen” ein wichtiges Signal gesetzt. Diese Bezeichnung wertet die Qualifikation staatlich anerkannter Erzieher auf, macht sie international vergleichbar und würdigt das hohe Niveau der Ausbildung. Doch diese Aufwertung darf kein Etikettenschwindel bleiben. Damit die Professionalität an der Basis Früchte tragen kann, muss sie sich in besseren Arbeitsbedingungen, modernen Räumlichkeiten und einer echten gesellschaftlichen Anerkennung widerspiegeln. Wir brauchen keine Titel auf dem Papier, sondern Ressourcen in den Einrichtungen.
Investition in die Zukunft
Investitionen in die frühkindliche Bildung sind Investitionen in die Stabilität unserer Region. Wenn wir hier sparen, zahlen wir später drauf – durch Bildungsabbrüche, soziale Spannungen und einen eklatanten Fachkräftemangel in allen Branchen. Die Kita ist keine reine Betreuungsstation für Erwerbstätige, sondern die erste und wichtigste Stufe unseres Bildungssystems.
Fazit: Zwischen Idealismus und Systemkrise
Ein Kita-Platz ist kein Privileg und kein Almosen der Politik. Er ist ein Grundrecht des Kindes auf Bildung und Teilhabe. Als angehende pädagogische Fachkraft erlebe ich jedoch täglich das schmerzhafte Spannungsfeld dieses Berufs: Ich möchte eine Bezugsperson sein, die Förderung bietet und ein offenes Ohr hat. Doch wenn die Gruppen zu groß sind und wir am Limit laufen, reduziert sich Pädagogik oft nur noch auf das Management von Krisen. Es schmerzt zu sehen, wie Eltern verzweifelt um Plätze kämpfen, während wir wissen, dass jeder weitere Platz die Qualität für die bereits anwesenden Kinder gefährdet.
Damit die Forderung “Gute Plätze für alle” keine hohle Phrase bleibt, müssen wir über neue, mutige Wege nachdenken:
Qualitätssicherung beim Personal: Quereinsteiger und Hilfskräfte dürfen nicht als “Notnagel” missbraucht werden, um Personallücken zu stopfen. Sie sollten das “i-Tüpfelchen” in einem Team sein.
Niedrigschwellige Unterstützung: Um diese neuen Kräfte sicher zu begleiten, braucht es eine fachliche Beratung, die beispielsweise in der Jugendförderung angesiedelt ist und schnelle, unbürokratische Hilfe im pädagogischen Alltag bietet.
Der Beruf des Erziehers ist einer der schönsten, da wir die Zukunft gestalten. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Professionalität und die Entwicklung der Kinder als Verhandlungsmasse in politischen Machtspielen zwischen Bund und Kommune missbraucht werden. Bund, Länder und Kommunen müssen endlich an einem Strang ziehen, statt sich die Verantwortung gegenseitig zuzuschieben. Echte Qualität kostet Geld, Zeit und vor allem: ehrliche politische Rückendeckung. Nur so schaffen wir eine Gesellschaft, in der das Kindeswohl nicht vom Wohnort oder dem Geldbeutel der Eltern abhängt.
Catherine Dewald
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